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Die Weißtanne |
Wer aufmerksam durch den tief eingeschnittenen Cañon des
Polenztales bei Hohnstein wandert, wird neben den dort wachsenden Fichten
und Kiefern einen weiteren Nadelbaum entdecken, der uns durch seine hell-silberne
Rinde und flache, an der Spitze meist eingekerbte Nadeln auffällt. Im Sommer
sehen wir weiterhin, daß seine Zapfen nicht wie bei der Fichte an den Ästen
hängen, sondern aufrecht auf ihnen stehen und schon auf dem Baum zerfallen,
so daß man sie nicht auf dem Boden liegend finden kann. Wir haben die heute
äußerst seltene und in Sachsen vom Austerben bedrohte Weißtanne vor uns.
In den vergangenen Jahrhunderten war die Weißtanne in den Berglagen der Sächsischen Schweiz, der Oberlausitz und des Osterzgebirges ein häufiger und charakteristischer Baum. So wird beispielsweise die Tanne in den ersten Waldbeschreibungen für den Kurfürsten von Sachsen zu Beginn des 16. Jahrhunderts in der Sächsischen Schweiz so häufig aufgeführt, daß man davon ausgehen kann, daß sie fast dreißig Prozent der gesamten Waldbestockung ausgemacht hat. Wenn man also früher von einem "Tannenbaum" in der Weihnachtszeit sprach, so war dies auch eine (Weiß-)Tanne und nicht eine Fichte oder Kiefer wie heute.
Die Weißtanne ist eine süd- und mitteleuropäische Baumart,
die im Gegensatz zur Fichte ein gewisses Wärmebedürfniss hat und deshalb
im winterkalten kontinentalen Osten nicht mehr gedeiht. Aber auch hinsichtlich
ihrer Bodenverhältnisse meidet die Tanne extreme Bedingungen. Die Weißtanne
wächst bei uns natürlich in den Bergmisch-wäldern, vergesellschaftet mit
der Rotbuche und der von Natur aus seltenen Fichte.
Die Weißtanne blüht bei freiem Stande frühestens in ihrem
30., bei geschlossenem Be-stande im 60.-70. Lebensjahr. Bei uns bilden die
Tannen in guten Samenjahren bis zu 300 Tannenzapfen pro Baum aus. Die Samenreife
tritt im Herbst ein, wo der Zapfen dann unter Einwirkung des Winterfrostes
zerfällt.
Neuere genetische Untersuchungen der Sächsischen Landesanstalt für Forsten in Graupa bestätigen die bekannte Annahme, daß die Tanne nach der Eiszeit vor etwa 4000 Jahren über einen östlichen Wanderweg aus dem Karpatenraum bei uns eingedrungen ist und nicht wie ursprünglich angenommen über einen westlichen Wanderweg aus dem italienischen Rückzugsraum. Da die Weißtanne als äußerst gefährdet gilt (in Sachsen gibt es noch etwa 2000 Alttannen), aber andererseits eine wichtige Rolle für unsere Wälder besitzt, wird ein großes Wiederbesiedlungsprojekt der Weißtanne von der Staatsforstverwaltung durchgeführt.
Das durchschnittliche natürliche Alter der Tanne wird mit 600 Jahren angegeben, wobei Höhen von über 50 m erreicht werden. Solche Riesentannen sind aus dem Erzgebirge bekannt geworden, aber auch in der Kirnitzschklamm ist erst vor wenigen Jahren eine fast 49 m hohe und über 270 Jahre alte Tanne abgestorben.
Durch den Rückgang der Tanne ist auch die auf ihr schmarotzende Tannenmistel (Viscum album ssp. abietis), eine Unterart der Laubholzmistel, vom Aussterben bedroht. Die Tannenmistel besitzt aktuell nur noch drei Vorkommen in der Sächsischen Schweiz.
Die Ursachen für das in den letzten 150 Jahren rasch voranschreitende Tannensterben sind vielfältig und komplex, gehen aber vor allem auf direkte und indirekte menschliche Einwirkungen zurück. Neben den Industrie- und Autoabgasen sind es vor allem der Kahlschlagbetrieb der Forstwirtschaft sowie der Verbiß durch Wild, die für den Rückgang verantwortlich zeichnen.