Zur Geschichte des Tourismus in der Böhmischen Schweiz

Mit der Wende vom 18. zum. 19. Jahrhundert erwachte neben der Vorliebe für Naturschönheiten auch ein tieferes Interesse für die Erkundung der Landschaft. Tiefe Bachtäler, bizzare Felsenwelt im sächsischen sowie böhmischen Teil des Sandsteingebirges haben dieses Gebiet dazu vorbestimmt, daß es als eins der ersten für die Touristik entdeckt und zugänglich gemacht wurde. In der damaligen romantischen Anschauungsweise der Landschaft enstanden auch die Bezeichnungen Sächsische- und Böhmische Schweiz, obwohl damals die Grenze noch nicht die heutige Bedeutung hatte. Vorher wurde das Gebiet nur als "Heide" bezeichnet.

Gereist wurde seit undenklichen Zeiten, als man von einer Touristik im heutigen Sinne noch nicht sprechen konnte. Über ausgedehnte Waldgebiete führten zwar Handelswege, in die Wälder kam die ländliche Bevölkerung jedoch nur um zu arbeiten oder als Jagdgehilfen. Reisen war überwiegend eine Vorliebe des Adels und der Gelehrten. Joseph II., zum Beispiel, von strategischen Überlegungen geleitet, durchritt im Jahre 1779 einen Teil der Böhmischen Schweiz - von Kreibitz, über Dittersbach, Herrnskretschen, Rosendorf und Binsdorf nach Tetschen, von wo er zum Hohen Schneeberg aufstieg.

Der Einfluß der sich neu formierenden Bürgerschaft war noch unbedeutend, und das Reisen in die Böhmische Schweiz blieb vor dem Bau der Eisenbahn für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ein durchaus unerreichbarer Luxus. Neben den wenigen Wohlhabenden gingen nur gut situierte Adelsfamilien auf Reisen. Dem Geist der Zeit entsprechend wurden damals prunkvolle Herbstjagden veranstaltet, mit welchen der Bau von Jagdhütten oder Jagdschlößchen zusammenhing. So entstand das Schlößchen Sternberg bei Zeidler oder die Balzhütte unweit von Dittersbach.

Zur Erschließung der hiesigen Landschaft für breitere Bevölkerungskreise trug eine ganze Reihe von Touristenführern bei. Unter anderen gehört zu diesen Werken Merkels Beschreibung der westlichen sächsisch-böhmischen Schweiz, die den Untertitel "Ein Taschenbuch für Freunde schöner Natur" trug und 1826 in Bischofswerda erschien. Das linkselbische Gebiet nördlich von Tetschen wurde in den "Wanderungen auf der Herrschaft Tetschen" (1827), dessen Autor der Dresdner Maler C.F.Grünwald war, beschrieben. Ein reizvolles Werkchen ist auch Nahliks "Führer durch die Böhmische Schweiz" aus dem Jahre 1864, der das Felsengebiet der Böhmisch-Kamnitzer Herrschaft beschrieb. Neben den Wanderführern trug auch die Herausgabe von Stichen und Landkarten zum Bekanntwerden der Felsenwelt bei.

Die ersten Wanderwege der Böhmischen Schweiz entstanden am linken Elbufer. Sie wurden 1818 vom Verwalter des Bades in Obergrund bei Tetschen als Ergänzung des Kurareals hergerichtet. Dem wachsenden Interesse an Naturschönheiten kamen auch die Domainebesitzer entgegen, indem sie Wege, Wanderpfade und Brücken errichten ließen und Aussichtspunkte zugänglich machten. Die Fremdenverkehrsentwicklung wurde allmälich zu einer willkommenen Einkommenquelle, da in den meisten Gemeinden kaum Industrie vorhanden war und die Bevölkerung sich überwiegend durch Waldarbeit oder von der wenig ertragreichen Landwirtschaft ernährte. Die Kinskys begannen in den dreißiger Jahren systematisch ihre Herrschaft zugänglich zu machen. So wurden unter anderen auch die Hütten auf der Wilhelminenwand, dem Rudolfstein, und im Jahre 1856 auf dem Marienfelsen errichtet.

Mit steigender Besucheranzahl wuchs auch das Netz der Dienstleistungseinrichtungen, und es standen auch ortskundige Wanderführer in die Felsenwelt zur Verfügung. Für einen Ausflug zum Prebischtor war es sogar möglich - genauso wie im Falle des sächsischen Kuhstalls oder Winterberges - ein Maultier oder Träger zu mieten, die zugleich Erklärungen zu den umliegenden Sehenswürdigkeiten gaben. Auch die Herrschaftsbesitzer Clary-Aldringen erkannten rechtzeitig die kommerziellen Möglichkeiten, die sich boten, und investierten deshalb großzügig in touristisch attraktive Punkte wie das Prebischtor und die Kamnitzklammen. Anstelle eines früheren Ausschankes von 1826 wurde 1881 neben dem Prebischtor ein stilvolles und der Umgebung gut angepaßtes Hotel erbaut. In gleicher stilechter Bauweise wurde zur selben Zeit der Zugang vom Tal hergerichtet: Überbrückungen, Felsentunnel und Aussichtsterassen mit Ruhebänken gewährleisten einen mühelosen Aufstieg über einen damals angelegten Serpentinenweg aus Herrnskretschen. Als man 1892 das Hotel in Rainwiese eröffnete, nahm auch der Besucherstrom aus dieser Richtug über den sog. Gabrielensteig zu.

Die Kamnitzschlucht bei Herrnskretschen wurde erstmals 1877 von fünf beherzten Männern auf primitiven Flößen befahren. Sie wiederholten ihren Versuch 1878 und 1882. Nach der provisorischen Erschließung durch den hiesigen Gebirgsverein (1889) finanzierte Fürst Edmund v. Clary-Aldringen den Ausbau der Klammen durch italienische Bauarbeiter, so daß am 4.5.1890 der Bootsverkeht aufgenommen werden konnte. Nach der Eröffnung dieser Klamm, die zu Ehren des Sponsors Edmundsklamm benannt wurde, folgte im Jahre 1898 die Eröffnung der flußaufwärts liegenden Wilden Klamm. Die Erschließung eines weiterer Abschittes der Kamnitzschluch unterhalb von Windisch-Kamnitz mußte durch die Herrichtung des Flußbettes erreicht werden. Die Fahrt konnte aber wegen der starken Strömung nur Flußabwärts betrieben werden. Heute ist diese von 1881 bis 1939 betriebene Bootsfahrt stillgelegt und die Natur hat dem Flußbett ihre ursprüngliche Gestalt wiedergegeben. Dem Fürsten Edmund Clary-Aldringen ist auch die Errichtung eines Aussichtsturmes am Rosenberg zu verdanken, der 1881 eröffnet wurde und nachher mehrmals erneuert werden mußte. Im Jahre 1890 wurde eine Gaststätte neben ihm erbaut.



Am anderen Elbufer entstand der erste Aussichtsturm am Hohen Schneeberg im Zusammenhang mit trigonometrischen Messungen. Wegen dieser europäischen Gradmessung sollte ein hölzerner Triangulierungsturm erbaut werden. Der Herrschaftssbesitzer entschied sich aber für einen steinernen 33 Meter hohen Turm, der nach den beendeten Messungsarbeiten im Jahre 1864 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde und bis zu den heutigen Tagen als ausgezeichneter Aussichtspunkt dient.


Das 19. Jahrhundert spielte zweifellos in der Entwicklung der Touristik eine entscheidende Rolle. Die anfängliche Initiative lag in der Hand des hiesigen Adels, einen bedeutenden und selbstlosen Anteil hatten daran jedoch bald auch die Mitglieder der Gebirgsvereine. Der Gebirgsverein für die Böhmische Schweiz wurde in Tetschen am 25.März 1878 gegründet. Er hatte 20 Sektionen in allen größeren Gemeinden. An das 25. Jubiläum des Vereins errinert ein Obelisk aus dem Jahre 1903 unweit des heutigen Tetschner-Ostbahnhofes. Er ist aus Quadern zusammengesetzt, welche die Namen einzelner Sektionen tragen. In einer Bilanz nach 25. jähriger Tätigkeit des Vereines nennt der Jubiläumsbericht die Herrichtung von 87 km neuer Wanderwege, die Rekonstruktion von 89 km bestehender Wege, den Ausbau von 5 km Straße, die Installation von 1498 m Holz- und Eisengeländer, den Bau von 60 Holzbrücken und Stegen, des weiteren werden 785 Wegweiser, 18 Treppen, 113 Sitzbänke, 11 Hütten, 10 sog. Galerien und 7 Aussichtstürme genannt. Der Verein besaß 4 Restaurants und 12 Jugendherbergen mit mehr als 60 Betten.

Mit demselben Elan begann auch der Gebirgsverein für das nördlichste Böhmen zu arbeiten, dessen erste Sektion aus einem aufgelösten Touristenverein hervorging und 1885 in Schönlinde gegründet wurde. Der zuvor (1884) entstandene Gebirgsverein für das Khaatal schloß sich 1893 den Gebirgsverein für das nördlichste Böhmen als Sektion an. Der Verein f. d. n. Böhmen war im östlichen Teil der Böhmischen Schweiz tätig und verwaltete zugleich den ganzen Schluckenauer Zipfel sowie das Lausitzer Gebirge. Seine Mitglieder haben ein dichtes Netz von markierten Wanderwegen aufgebaut, mit Wegweisern, Brücken, Treppenaufgängen, Leitern und Sitzbänken. An manchen Stellen wurden sogar Futterhäuschen und Nistkästchen herrgerichtet oder ein Freibad (Khaa) geschaffen. Nach Verhandlungen mit den benachbarten Gebirgsvereinen kam es 1902 zur Markierung des sog. Kammweges, der zum wichtigsten Wanderweg Nordböhmens wurde. Er führte ursprünglich vom Jeschken zum Rosenberg, wurde später in beide Richtungen verlängert, so daß man schließlich mit dem blauem Kammzeichen von der Schneekoppe bis nach Asch wandern konnte. Größeren Wegteilen folgt heute in Böhmen die rote Strichmarkierung. Auf Anhöhen und Bergen der Böhmischen Schweiz wurden Bauden errichtet, so auf der Kinskyhöhe beim Khaatal (1885), am Irichtberg (1886), Wolfsberg (1887) und der Klötzehöhe bei Kreibitz (1886). Gaststätten entstanden auf dem Tanzplan (1887), nördlich von Zeidler (Birkenbaude 1930) und am Scheibenberg in der Khaa (1934). Aussichtstürme bekamen der Tanzplan (1886 aus Holz, 1905 aus Stein) und der Wolfsberg (1888 ein Ziegelbau).

Die Bautätigkeit dieses Vereines braucht sicherlich keinerlei Kommentar. Neben anderer üblichen touristischen Tätigkeit haben die Gebirgsvereine auch Bäume oder andere Gewächse angepflanzt und Vorträge organisiert. Einzelne Sektionen verwalteten in eigener Regie Herbergen, Bibliotheken mit touristischer Literatur und Landkarten, andere haben sich um archäologische Sammlungen gekümmert (Khaa).

Genauso wie es ab 1878 in der Sächsischen Schweiz als Organ der Gebirgsvereine das Mitteilungsblatt "Über Berg und Tal " gab, war für die Böhmische Bergwelt der "Gebirgsfreund" und die "Nordböhmische Touristenzeitung" (ab 1886) zuständig. Auch die Naturfreunde hatten ihre "Mitteilungen des Nordböhmischen Gaues" (später in "Unser Wandern" umbenannt) . Diese Toristenbewegung erkaufte 1927 in Rennersdorf das Haus Nr.7, das sie bis 1938 behalten konnten.

Von den bedeutendsten Wanderführern ist es notwendig wenigtens Hantschels "Nordböhmischen Touristenführer" (1894, 1907) zu erwähnen, ein Werk, das seines gleichen sucht. Den böhmischen Teil des Elbsandsteingebirges bedandelt auch T.Schäfer (2. Ausgabe in Leipzig 1878) und die Meinholdschen Routenführer (Nr.1,2,6,7 mit hervorragenden Wanderkarten), die in mehrfacher Auflage erschienen sind. Im Jahre 1882 erschien in Prag in tschechischer und deutscher Fassung das Reisehandbuch für das Königreich Böhmen, in dem auf die Böhmische Schweiz näher eingegangen wird. Eine wertvolle Landschaftsbeschreibung der hiesigen Gegend ist in dem tschechischen Werk "Èechy" (also Böhmen, erschien 1904) enthalten.

Der erste tschechische Wanderverein in der Region - der "Klub èeských turistù"